Juhannus in Finnland



Nach einer doch recht schmerzlich kurzen Nacht starten wir unseren Tag mit einem ausgiebigen Frühstück. Die Haltia Lake Lodge bietet eine sehr gesunde und ausgewogene Küche mit Zutaten aus eigenem Wald und nahegelegener Produktion an. Alles sehr nachhaltig und organisch produziert. Zum Frühstück kann man zwischen vegan, vegetarisch, Fisch oder Fleisch wählen und erhält dann ein vorbereitetes Teller mit Brotbelägen. Ergänzend dazu kann man sich dann am Buffet noch Brötchen und Joghurts und andere Sachen dazuholen. Ich feiere dieses Frühstück so sehr, dass ich Teile davon fix in meinen Alltag zu Hause integriere.

Gesundes Frühstück draussen aufgedeckt mit frisch gepresstem Orangensaft, Käse, frischen Gurken und Peperoni aus biologischem Anbau, einem frisch gebackenem Vollkornbrötchen und Joghurt mit frischen Waldbeeren. Fantastisch!

Da wir erst um 13:30 für eine Besichtigung im Rentierpark reserviert haben, folgen ein, zwei Stunden, in der alle etwas anderes machen, bis wir uns alle wieder zum Spaziergang zum Rentierpark treffen.

Nuuksio Rentierpark

Der Nuuksio Rentierpark ist etwa eine halbe Stunde von unserer Lodge entfernt. Teile der Strecke kennen wir schon von gestern, als wir uns auf den Weg zur Aussichtsplattform gemacht haben. Unser Weg führt uns dann aber bald weiter in den Wald hinein, mehrheitlich auf Holz- und Naturpfaden. Der Rentierpark befindet sich auf einem privaten Grundstück und wurde auch ursprünglich von Privatpersonen gegründet. Im Park leben insgesamt sieben Rentiere: die beiden Jungs, Niila (2012 geboren) and Usva (2018 geboren) und fünf Ladies: Taika, Lumi, Nella (alle 2013 geboren), Tähti (2016 geboren) und Helmi, die Tochter von Tähti (2020 geboren). 

Alles an den Rentieren ist komplett wuschelig und mit Fell bedeckt, auch die Geweihe und Schnäuzchen. 


Man merkt schnell, das Wohlergehen der Rentiere steht hier an erster Stelle. Die Begegnung mit den Rentieren findet immer zu den Bedingungen der Tiere statt, das wird auch ausdrücklich und mehrmals angemerkt. Der Park ist deshalb auch nicht täglich geöffnet, so dass die Rentiere eine Auszeit von der Begegnung mit Menschen haben. Sie werden nicht gezwungen, die Besucher des Parks zu begrüssen, wenn sie in dieser Zeit ihre Ruhe haben wollen. Ihr Gehege ist so gross, dass sich die Tiere auch einmal komplett zurückziehen können und dann nicht sofort gefunden werden können. Wir stellen aber auch schnell fest, dass die alle sehr neugierig und an Menschen gewöhnt sind. Viele von ihnen kommen schnell zu uns (wohl nicht zuletzt, weil wir frische Flechte für sie dabei haben, das ist ihr Lieblingssnack. Flechte ist übrigens auch recht teuer, da diese besondere Flechte nur sehr langsam wächst und deshalb lange und einigermassen mühsam gezüchtet werden muss. 

Ich versuche "das Küsschen" mit Niila. Es hat nicht funiktioniert. Die Flechte ist runtergefallen und ich hatte den Mund voller Flechte.

Hier schnell ein paar Rentier-Fakten

Die Rentierherde folgt einer exakten Hierarchie. Das älteste Rentier mit dem grössten Geweih ist das Anführertier. Im Frühling, wenn spätestens alle Tiere ihre Geweihe abgeworfen haben, kann die Hierarchie temporär wechseln, je nachdem wer das Geweih zuerst abwirft. Denn die männlichen Rentiere werfen ihre Geweihe bereits am Ende der Paarungszeit, also im frühen Winter, so ab Oktober/November ab. Die Weibchen hingegen brauchen ihre Geweihe dann noch, um während der Schwangerschaft im Winter die kargen Futterstellen zu verteidigen und so für genügend Nahrung für sich und ihre Jungen zu sorgen. Sie werfen ihr Geweih darum erst im Frühling ab. (Das heisst im Umkehrschluss, dass die Rentiere des Weihnachtsmannes Weibchen sind, da sie ihre Geweihe im Winter noch tragen.) Das Geweih wächst danach wieder nach, bis zu 2cm am Tag. Das macht das Rentiergeweih zum am schnellsten wachsenden Knochen überhaupt.

(Foto vom Geweih abwerfen im Winter)

Im Sommer verlieren die Tiere ihr dickes Winterfell und werden strubbelig. Man könnte meinen, dass sie deshalb etwas krank aussehen, sie sind aber tatsächlich genauso gesund wie das restliche Jahr über auch. Das Winterfell ist in der Konsistenz auch ganz anders, als wir das so von unseren flauschigen Haustieren kennen. Es ist extrem talgig und fettig. Streichelt man ein Rentier, das gerade sein Winterfell abwirft, hat man schnell einmal büschelweise Haare in der Hand. Diese Haare bröckeln dann auch super schnell, ein bisschen wie spröde Tannennadeln.

So sieht das aus, wenn Helmi ihr Winterfell verliert. Da sie zusätzlich komplett weiss ist, ist sie extra-strubbelig. Helmi ist übrigens nicht nur die jüngste der Herde, sondern auch der jüngste Zugang. Sie wurde im vorigen Winter im Norden von Finnland gefunden und hätte den Winter ohne nicht überlebt. Nun ist sie gut in die Gruppe integriert und bei bester Gesundheit.

Übrigens sind die Rentiere recht klein. Man könnte meinen, sie hätten die Grösse von Elchen oder Pferden. Tatsächlich sind sie aber kaum grösser als ein Reh. Uns alle machen die Rentiere wahnsinnig glücklich. Sie sind zutraulich und wir können auch das eine oder andere streicheln. Manche von uns trauen sich sogar, den Rentieren Flechte aus dem Mund zu füttern. Sie nennen es "Küsschen". Wir lernen einige Fakten über die Tiere und den Park und dürfen im Anschluss im traditionellen Tipi einen über dem Feuer gebrauten Kaffee und eine Zimtschnecke geniessen.

Das Tipizelt ist im Winter wirklich sehr gemütlich. Wenn es draussen aber fast 30° warm ist und sich die Hitze des Feuers zusätzlich im Zelt staut, ist es so mittel gemütlich. Aber die Atmosphäre und die Zimtschnecke waren bombastisch.

Aline, Sabine, Raphi und ich entscheiden uns, gleich im Anschluss eine Wanderung zu machen. Andere von uns wollen noch einmal den Bus nach Espoo nehmen und ein paar Sachen kaufen, zum Beispiel Mückenabwehr, und der verbleibende Rest geniesst die wärmende Sonne am See.

Haukkalampi

Auf Mikkas Empfehlung hin wollen wir entlang dem Haukkalampi Track gehen. Der Naturpark ist wirklich riesig. Darin gibt es unzählige Möglichkeiten einen Wanderweg zu erweitern oder zu verkürzen. Deshalb entscheiden wir uns einfach mal, in Richtung Haukkalampi zu gehen und dann spontan zu entscheiden, ob wir den ganzen Track oder nur einen Teil davon machen wollen. 

Ungefähr das erste Drittel der Wanderung gehen wir hauptsächlich auf gelegten Holzpfaden durch sumpfartiges Gebiet. Links und rechts von uns gibt es immer wieder viele Blaubeeren und auch Moltebeeren (die jedoch noch lange nicht reif sind). Moltebeeren, so lerne ich früher von Robin in Schweden, sind auch das skandinavische Gold genannt. Einerseits wegen ihrer Farbe, adererseits, weil sie so schwer zu ernten sind und die Lese viel Aufwand für wenig Ertrag ergibt. Da Moltebeeren eben in diesen Sumpfgebieten wachsen, die man zur Lese nur schwer erreicht, sind sie auch entsprechend teuer. 

Blaubeeren und Farne links und rechts des Pfades und scheinbar unendliches Grün überall

Unsere gesamte Wanderung verläuft im Wald. Nach einem kleinen Anstieg über eine Treppe gelangen wir nun auf eine Anhöhe mit Ausblick über den Haukkalampi, auf den wir nun stetig auf einem breiteren Kieselweg zulaufen. Der Weg führt uns zu allererst auch gleich an ein Häuschen. Ein kleines Café, wie sich bald herausstellt. Sie verkaufen Kaffee, Kuchen, Eis und ainige andere Getränke. Es erinnert mich an Pippi Langstrumpf und ich finde es super. Natürlich lassen wir uns einen Kaffee und ein Eis am Wasser nicht nehmen.

Kleines Pippi Langstrumpf-Haus am Haukkalampi

Blick auf den Haukkalampi von unserem Floss aus 

Finnland ist bekanntlich das Land der 1000 Seen, tatsächlich schätzt man die Anzahl Seen in Finnland auf rund 188'000 mit weit über 100'000 Quadratkilometer Fläche. Diese Aussage wirkt ungeheuerlich, wer aber einmal durch Finnland gereist ist, hat kaum Zweifel an dieser Zahl. 


Wir werden von Mikka gefragt, wie uns die Party zum Juhannusfest gefallen hat. Uns war bisher nicht aufgefallen, dass es eine Party gab aber wir vermuten, dass dies hier die Party war.


Mein Lieblingsort dieser Wanderung. Der Ausblick über diesen See, den Mustalampi, war einfach magisch.


Das Naturparadies im Osten Finnlands das grösste Seengebiet Europas. Viele Finnen besitzen ein kleines Sommerhaus am Wasser, ein sogenanntes Mökki, ein wichtiger Bestandteil des finnischen Lebensgefühls. In der Natur kann man die Ruhe geniessen und endlich wieder runterkommen. So ist es auch über das Midsommarfest beliebt, aus der Stadt aufs Land in das eigene Mökki zu fahren und Juhannus mit Ruhe und Sauna zu geniessen. Wer kein Mökki besitzt, fährt auch gerne zum Campen in die Natur. Man trifft sich zum grillen und trinken am Strand oder im Wald und verbringt die Zeit gemeinsam. 

Das finnische Mittsommerfest: Juhannus

Für den besonderen Abend heute haben wir bereits im Voraus das Midsommar-Buffet reserviert. Die Lodge bietet zur Feier ein traditionelles Essen mit finnischen Köstlicheiten an. Ich schreibe mehr dazu auf der Seite Essen und Trinken. Man isst hier im Norden doch recht früh. Bereits ab 16:00 gibt es Abendessen. Viel zu früh für unseren Rhythmus. Wir können gerade noch aushandeln, das Abendbuffet für unsere Gruppe um 17:00 zu beginnen. 

Im Anschluss gibt es, auch traditionellerweise, Sauna und See. Wir haben hier unser eigenes Saunahäuschen weiter vorne am See. Es gibt hier auch eine Terrasse mit Tisch und einem kleinen Steg. Beides nutzen wir zu hudnert Porzent und bis tief in die Nacht aus.

Das Foto kommt von venuu.fi über die Sauna der Haltia Lake Lodge. Ein Blick ins restliche Saunahäuschen. Auf der anderen Seite gab es ebenfalls einen Esstisch und eine Küche.

Auch hier ein Foto, welches venuu.fi zur Verfügung gestellt hat. Ich hatte mein Handy nicht mit und habe auch aus Rücksicht auf die Privatsphäre der anderen nicht so viele Fotos gemacht.


Unser privater Steg. Zwischen den Saunagängen lassen wir uns ein Sprung ins nicht so kalte Wasser nicht nehmen. Aline und ich schwimmen auch einmal an die andere Uferseite, das ist rund ein halber Kilometer.

Blick von unserem Platz um 3:30 am Morgen


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